Die letzten 100 Jahre


Es sprengt den Rahmen dieser Betrachtung, das dörfliche Leben kurz vor der Jahrhundertwende zu schildern. Nur allgemein sei erwähnt, wie die Menschen in der sogenannten guten, alten Zeit lebten. Was heute für unseren Alltag selbstverständlich ist, war damals nicht vorhanden, ja vielfach nicht denkbar.

In, mit unseren Häusern verglichen, sehr kleinen Häuschen wohnten in der Regel Großfamilien mit 8, 10 oder 12 Kindern, oft noch mit Großeltern und mit ,,alleinstehenden“ Onkel und Tanten. Sie wohnten sehr eng beieinander und alle mussten deshalb eine Sozialordnung einhalten, die uns heute hart vorkommt.

Es gab kein fließendes Wasser, keine Zentralheizung, keine Wasserspülung, also weder Bad noch WC, keinen elektri­schen Strom. Aber auf wärmende Energie waren die Menschen auch angewiesen. Der Brennstoff war damals ausschließlich Holz. Aber wer verfügte darüber in gewünschter Menge. Für alle Lebensbedürfnisse war Sparsamkeit 1. Gebot. Dies galt auch für die Ernährung. Viele Familien verfügten über einige Grundstücke (weil im Erbfalle das vorhandene Vermögen unter den Erben aufgeteilt wurde = Realteilung). Diese waren Grundlagen für einen Gemüsegarten und für die Haltung von einigem Vieh,
wie Ziegen, Schafe, Schweine und, wenn es hochkam, eine Kuh. Für die Grundnahrungsmittel waren viele Selbstversorger. Und es gab kein Radio, kein Fernsehen (diese armen Menschen), keine motorisierten Fahrzeuge, keine Waschmaschine, kein Kühlschrank usw. usw..

Was dann an technischer Entwicklung in den nächsten Jahrzehnten folgte, war atemberaubend. Die rasanten Veränderungen führten aber nicht nur zu Verbesserungen der  Lebensqualität, sondern auch zu tiefgreifenden Belastungen. Von 1907 bis 1910 wurde für die Gemeinden der Bürgermeisterei Birgel die zentrale Wasserversorgung eingerichtet. Das Wasser wurde aus dem Wald bei Gey (Dreipützen) in Rohrleitungen in die Dörfer geleitet. Am Knipp wurde ein Wasserhochbehälter errichtet, der für gleichmäßigen ,,Wasserlauf‘ sorgen sollte. Damit war eine erhebliche Erleichterung für die Menschen verbunden,
vor allem aber eine deutliche Verbesserung der gesundheitlichen Situation.

Eine erfreuliche Entwicklung mit besseren wirtschaftlichen Bedingungen - etliche Häuser sind in dieser Zeit gebaut worden - wurde jäh durch den Ausbruch des 1. Weltkrieges am 1. August 1914 unterbrochen. Anfängliche Begeisterung war auch in unseren Dorfvorhanden. Die ersten Gefallenen und zunehmende Notstände führten bald zu einem Wandel. Besonders hart waren die Jahr 1916 bis 1918. Im November 1918 endete der Krieg im Chaos.

Die staatlichen Strukturen änderten sich dramatisch. Die Monarchie endete, an ihre Stelle trat die Republik - mit großen Wehen.  Die Not der Kriegjahre setzte sich fort. Besatzung, Inflation usw. Aber es ging irgendwie weiter. 1920 wurde unser Dorf an das elektrische Stromnetz angeschlossen. Im gleichen Jahr wurde an der Kapelle ein Ehrenmal für die 11 Gefallenen des 1. Weltkrieges errichtet.

Der medizinische Standard lag erheblich unter dem heutigen. So gab es z.B. kein Penicillin oder andere Antibiotika. Das hatte zur Folge, daß viele, heute harmlose Erkrankungen besonders Kindern und alten Menschen den Tod brachten.

Weil die Menschen viel mehr als heute hilf- und schutzlos waren, erhofften sie stärkere Hilfe aus religiösen Bindungen. Dass die Kirche für den gesamten gesellschaftlichen und sozialen Alltag der Menschen von großer Bedeutung war, wird heute in der Rückschau oft als unangemessen, ja furchtbar bezeichnet. Sehr vieles in der ,,guten, alten“ Zeit war sicher nicht gut, aber die erlebte Entwicklung bis zu unserem heutigen Standard hat auch nicht nur positive Seiten. Dabei denke ich weniger an die technischen und wirtschaftli­chen Verbesserungen, sondern an die Veränderungen moralisch - ethischer Werte.

1925 wurde ein Fußballverein gegründet, und zwar im Rahmen der DJK (Deutsche Jugend Kraft), „Bergwacht Berzbuir“. Der erste Sportplatz wurde mit großen Idealismus und vielen Mühen auf dem Knipp errichtet; wegen seines steinigen Belags berühmt - berüchtigt. Anfang der 30er Jahre wurde er an der Westseite des Dorfes neu angelegt. Die allgemeinen Turbulenzen im Staate waren in ihren Konsequenzen natürlich auch in unserem Dorf zu spüren; Ende der 20er/Anfang der 30er Jahre waren viele Bewohner arbeitslos. Nach nur 14 Jahren wurde die Republik und damit die erste demokratische Staatsform beendet, an ihre Stelle trat das sogenannte 3. Reich mit der Diktatur der Nationalsozialisten. Wie hat sich dieser Wechsel im Dorf vollzogen? Beherrschende politische Kraft während der Weimarer Republik war die katholisch orientierte Zen­trums-Partei.

Die Dorfbevölkerung war überhaupt nicht für die NSDAP zu begeistern. Erst im Laufe des Jahres 1933 änderte sich unter dem Druck der Nazis einiges.

Wahlergebnis Berzbuir-Kufferath 1932/33

                                                       Zentrum    NSDAP
Reichstagswahl 31.7.1932              131              8
06.11.1932                                    109              1
05.03.1933                                    116              50

Die Geschichte der wenigen Jahre des ,,tausendjährigen“ Reiches bis zum Beginn des 2. Weltkrieges am 1. September 1939 ist den meisten selbst noch geläufig. Die Begeisterung der Bevölkerung hielt sich in Grenzen, d.h. sie beschränkte sich auf die Minderheit der National- sozialisten. Das Dorf im 2. Weltkrieg ist eine eigene Darstellung wert. Vor allem das Ende war für die Menschen und das Dorf von größter Dramatik. Am 16. September 1944 verkündete der Amtsbote (Johann Boltersdorf) mit der Schelle, daß die Amerikaner bis Zweifall vorgestoßen seien. Mit dem Eintreffen sei in den nächsten Tagen zu rechnen. Die Bevölkerung solle sich ruhig verhalten, am besten sich im Keller aufhalten. Die Bevölkerung war besorgt, aber auch erleichtert, wenn sie damit die zu erwartende Front hinter sich hätte.

1950 wurde das Ehrenmal an der Kapelle für die Opfer des 2. Weltkrieges   erweitert. Anfang der fünfziger Jahre wurden erstmals asphaltierte Straßen geschaffen, Zu Weihnachten1954 wurde die erste DKB-Linie Lendersdorf mit einigen Fahrten bis Berzbuir verlängert. 

Ab 1963 wurde die Gemarkung in ein neues Flurbereinigungsverfahren (Winden) einbezogen.  Abgeschlossen wurde das Verfahren nach 25 Jahren, 1988.   Dem Geist seiner Zeit entsprechend war die Flurbereinigung sehr funktional angelegt.  Gedanken ökologischer Qualität kamen leider zu kurz.  (Schlagwort von der ausgeräumten Natur) Mitte der fünfziger Jahre wurde das Bleibergwerk  im Tagebau erschlossen.  1965. also nach 15 Jahren , wurde der Betrieb  eingestellt.

1975 wurde der Fußbankclub „Bergwacht Berzbuir“ neu gegründet.

1980 -82 erhielt das Dorf eine geordnete Abwasserregelung  durch Kanalisation.  In diesem, Zusammenhang wurde die Straße  völlig neu ausgebaut.

1980/81 wurde ein neuen Feuerwehrhaus mit Gemeinschaftsräumen für Vereine und Institutionen gebaut. Das Haus hat viele gute Impulse für das Gemeinschaftsleben im Dorf ermöglicht. 1989 erhielt es den Namen ,,Berzberger Haus“.

Wer hätte damals geahnt, welche schreckliche Zeit noch folgen würde. Im Hinterland der Front im Hürtgenwald lag nun unser Dorf Am 10. November 1944 wurde die Bevölkerung evakuiert, zumeist nach Thüringen. die Bauern zogen mit Pferd und Wagen nach Osten. Die Amerikaner kamen genau drei Monate später; von Birgel aus ,,eroberten“ sie am 16. Dezember 1944 das zerstörte Dorf.Die ersten Bauern kehrten im März 1945 zurück, die ersten,, Vorhuten“ aus Thüringen Anfang Juni. Kein Haus war unbeschädigt. Alles war verwüstet, die Felder weitgehend vermint, die Straßen aufgebrochen - Loch an Loch.

Viele der Männer waren gefallen, etliche vermisst. Einer der vermeindlich Gefallenen war gar  nicht gefallen, eines Tages stand er - Peter Hensch - hier, aus russischer Gefangenschaft entlassen. Welch eine Zeit! Die äußeren Schäden wurden von den Menschen mit erstaunlichem Elan beseitigt. Erstaunlich? Nein, die Menschen fühlten sich befreit von jahrelanger Diktatur und lebensbedrohlichem Krieg. Das Leben hatte neu begonnen.